Ist dir jemals klar gewesen, dass ein einziges Buch dein ganzes weiteres Leben zu verändern
imstamde ist?
Nur Buchhändler, die diesen Satz übers Bett nageln, sind gute Buchhändler.

Jan-Willem Köping



Da schreiben wir dann schon das Jahr 1834 und Schüler Marx geht auf das Gymnasium in Trier, seiner Heim- und Geburtsstadt. Ein Jahr später bereits 1835 dampft die erste echte Deutsche Eisenbahn über die Strecke von Nürnberg nach Fürth. Marx zählt gerad mal zehn Jahre als im fernen Thüringen Goethes Förderer der Herzog Karl August stirbt. Da geht der "Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller" erstmalig in Druck. Nebenher erfindet Goethe gleich noch den Begriff WELTLITERATUR und der komm seither nicht mehr aus der Mode!

Er, Goethe höchst selber, legt 1829 eine weitere Weltschrift vor und gibt seinen Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre" heraus. Seinen FAUST II hält er aber weiter unter Verschluss. Nun kennt man mittlerweile in Deutschland schon Heinrich Heine und Walter Scott. Wilhelm Grimm gibt nun sein Buch "Deutsche Heldensagen" zum Druck - das ist 1831, Marx ist grad mal 13 und Goethe, immer noch aktiv, liefert fröhlich weiter, diesmal die "Gesammelten Werke (letzter Hand)" an die Druckerei. Immerhin sind das damals schon 40 (!) Bände. Als der 1832 mit 82 am 22. März stirbt ist sein FAUST II immer noch ein Buch mit sieben Siegeln! Und gut verschnürt!

Marx weiß in Trier von alledem nichts! Später wird auch er davon lesen, was Goethe über seine FAUST-Dichtung sagte: "Meine Verse haben den Sinn, den man ihnen verleiht!" Sprung nach vorn: Erst 1854 wird FAUST II in Hamburg erstmalig aufgeführt. Als Goethe das Manuskript versiegelte gab es in Deutschland noch nicht einen Meter Eisenbahngleis.

Zurück zu Marx. 1844 lernt jener in Paris Friedrich Engels kennen und schätzen. Da schickt Alexander Dumas in Paris seine "Drei Musketiere", - immerhin acht Bände - aus die Welt zu erobern. Ein Jahr später folgt denen "Der Graf von Monte Christo" nach. Und der Junge Karl Marx verwandelt da schon Hegels "Dialektischen Idealismus" in seinen "Dialektischen Materialismus". Von diesem kennen wir fast alle wenigstens den einen Gedanken:

DAS SEIN BESTIMMT DAS BEWUSSTSEIN!

Nochmal 1844: Da wird in Röcken, unweit der geplanten Bahnstrecke Leipzig-Halle-Erfurt Friedrich Nietzsche geboren. Leider nahm der später auf eigene "Faust" als Philosoph Fahrt auf, aber von Marx keine Notiz.

1845 wird Marx aus Frankreich ausgewiesen und muss in Brüssel Quartier nehmen, 1848 geht er zurück nach Paris und kurz nach Köln, um "Die neue Rheinische Zeitung" herauszugeben, wird da aber wegen der Revolution in Deutschland, vor allem in Preußen nicht mehr gelitten und geht - wieder über Paris nach London.

Deutschland baut derweil in großer Eile die Eisenbahnstrecken aus.

Ein Beispiel von vielen: Nach langer Diskussion wird entschieden, die Strecke HALLE-ERFURT-KASSEL zu bauen. Nun macht auch das Militär in Preußen Druck. Macht sogar Zugeständnisse. In Erfurt durchbricht man nämlich für die Bahn die dicken Festungsmauern! 1846 bis 1852 wird der erste Bahnhof innerhalb der preußischen Festung Erfurt gebaut. Schon am 22. März 1847, Marx und Engels arbeiten noch fleißig am "Kommunistischen Manifest", findet im Thüringens Kleinstaat die erste Probefahrt einer Eisenbahn statt. Fünfzehn Jahre nach Goethe fährt sie nun auf einer Strecke von 22 (!) Kilometern.

War nicht von Quantensprung die Rede? Doch, doch das war es! Wenn auch noch ein kleiner. Immerhin gibt Preußen bereits 1873 seine Festung Erfurt gänzlich auf, Festungen werden im modernen Krieg nicht mehr gebraucht, Eisenbahnen sind nun wichtiger! Das wissen auch Marx und Engels.

Apropos Militärwesen, dafür muss Engels die Feder spitz halten. Marx ist das nix, nicht sein Ding! Er ist für Philosophie und Ökonomie zuständig, obgleich er selbst kaum mit Barem umgehen kann, Engels der gewitzte sozialistische Bourgeois schafft immer wieder Geld heran. Beide schreiben Artikel um Artikel. Wir kommen drauf zurück! Das Militär hat nun auch eine neue Waffe: Das Zündnadelgewehr. Davon schreibt auch Engels in seinem Fortsetzungsartikel "Die Geschichte des gezogenen Gewehrs" (1862). Marx wird nur wenig davon gelesen haben, ihn interessiert die Erfindung des Thüringer Waffenschmieds DREYSE aus Sömmerda nur insofern, dass dorten (so spricht man da) eine ganze Waffen-Industrie aus dem Boden gestampft wird. Eine Eisenbahnstrecke Magdeburg - Erfurt - ist gleich mit im Plan. Engels hat die Zündnadelerfindung sogar praktisch in Erinnerung behalten. Erlebt er doch höchst selber das schnellere Schießen der Preußen von 1849 und muß vor der Feuerkraft jener Preußischen Gewehre fliehen. Nun geht auch er endgültig nach England.

Marx schreibt fleißig im Britischen Museum an seinen ökonomischen Abhandlungen. Alle seine Artikel sind die VORARBEITEN für seine WELTLITRATUR die er DAS KAPITAL nennen wird.

Noch sind wir aber im Jahr 1848. Das MANIFEST ist fertig, es liegt vor aber wegen der verlorenen Revolutionen, auch in England bei den Chartisten grummelt es nun, nimmt bloß kaum jemand mehr davon Notiz. Später erst wird es seinen Siegeszug antreten, ziemlich spät sogar. Die Weltschrift Manifest hat Pause. "Proletarier aller Länder ..." fällt vorerst aus, in England herrscht Nebel, und auf dem Kontinent Krieg. Die Bourgeoisie ist auf dem Vormarsch. Sie rückt und drückt die Gleise nun durch ganz Europa. Die Fahrt von Weimar nach Erfurt kostet 23 Silbergroschen für die 1. Klasse! Schon 1880 wird dann in Erfurt schon ein neuer Bahnhof notwendig. Man hatte verstanden - Handel und Wandel benötigt die Bahn. Die VIA REGIA von Goethes Frankfurt a.M. nach Leipzig hat jetzt Gleis! Und das ferne Berlin ging auch ans Netz. Das Kapital nimmt Fahrt auf! Das Militär "marschiert" auch per Schiene! Der Begriff "Eisenbahntransportmarsch" war entstanden. Die Preußen nutzten nun die Zündnadelfeuerkraft im (Ver-)Bund mit der Eisenbahn! Feudalherren und Bourgeoisie hatten sich verbündet, nicht die Proletarier! So siegte Preußen sich durch Europa: 1864, 1866, 1870/71! Und Marx?

Wie gesagt, die Zündnadelgewehrkugeln pfiffen Engels 1849 um die Ohren:

Und der floh durch den Schwarzwald über die Schweiz nach England zu Marx, fortan ging's nur noch zu zweit voran mit der Schreiberei. Der eine in London - Marx, der andere in Manchester in seiner Fabrik! Oder auch zusammen in London und manchmal in Manchester. Dreißig Jahre nach Goethe gab es wieder eine Männerfreundschaft die es mit der von Goethe und Schiller aufnehmen konnte. So entsteht nun gemeinsam, eine sozialistische Weltliteratur von Rang. Marx allein hätte den Nobelpreis für Literaten und Ökonomen verdient, hätte es den damals schon gegeben! Sein Stil, sein Fleiß, sein Wissen hätten es vermocht! Aber Marxens Hauptwerk DAS KAPITAL muss erst noch auf den Weg gebracht werden! Doch in Europa fängt das "Kriegern" wieder an. Neue Kriege ziehen herauf. Und Preußen zieht mit; vorerst sind die Franzosen und Briten noch im Krimkrieg von 1855 gebunden und siegen bei Sewastopol über die Türken! Auch darüber schreiben Marx und Engels lange Artikel. Ihr Journalismus ist spektakulär, ja fast legendär zu nennen. Ihre Schriftsätze sind damals jedenfalls bekannter als ihre Manifest-Schrift!

350 Artikel schreibt Marx für die New York Tribune. Marx lernt nun sogar seine Artikel vollständig in Englisch zu schreiben. Da haben wir bereits 1853. Manchmal, wenn Marx in der ökonomischen Wissenschaft untertaucht, muss Freund Engels bluten. Man sagt, von den 350 langen Aufsätzen und Artikeln für die USA hat Engels mindestens 100 für Marx verfasst, wohlgemerkt unter Marxens Namen, Marx kassiert auch dafür die Honorare. So sicherlich auch das Geld für die Geschichte(n) über die Gewehre seiner Zeit.

Marx bleibt auch Korrespondent für die Amerikaner in der Zeit der ersten richtigen Welt-Wirtschaftskrise 1857. Man braucht seine geschliffenen Analysen über Wirtschaft und Markt, Geld und Produktion/Überproduktion. Seinen Journalistenjob wird er erst 1862 los als die USA den Bürgerkrieg an der Backe hat! Da hat das Hauptwerk KAPITAL wieder Oberhand. 35 Jahre nach Goethe erscheint endlich der erste Band des Hauptwerkes. DAS KAPITAL!

Karl Marx bringt das Werk persönlich von London nach Hamburg zum Verleger, der schickt es gleich per Bahn-Post nach Leipzig zur Druckerei. Es sind etwa 900 Seiten voller Wissenschaft, 900 Seiten Ökonomie des Kapitalismus. Sie liegen kompakt gedruckt bald drauf in seiner Hand. Immerhin: Ein Umfang wie zwei Bände FAUST! Es hat halt gedauert. Endlich hat einer gewagt den Kapitalismus richtig zu deuten und zu sezieren.

Wie lang hat es noch gedauert bis der FAUST II erstmalig auf die Bühne kam? Nur die Folgebände seines Grosswerkes, die erlebt Marx nicht mehr.

Mittlerweile, nach 200 Jahren Marx, nach zwei Weltbränden und einem Kalt-Krieg, der sogar noch anhält, fahren die Eisenbahnen jenseits der 300 Stundenkilometer, auch über lange Brücken und durch noch längere Tunnel und ein Ende vom Kapitalismus ist trotz seiner Krisen nirgends in Sicht...

Sogar unter dem Ärmelkanal tunnelte man sich schon vor Jahren durch. Damit sich Europa nicht wieder zerstückelt in Kleinstaaten ... sind Brücken und Tunnel nicht als Verbindungen gefragt?

Erinnern wir uns: Marxens KAPITAL nahm jedenfalls seine "Fahrt" von Hamburg nach Leipzig per Bahn-POST auf - und allen Unken zum Trotze hat diese Weltliteraturfracht auch heute nichts an Attraktivität, Klarheit und innewohnender Kraft verloren.

Apropos Erfurt: Dort erschien 1971, Visasvis des Bahnhofs der BRD-Bundeskanzler Willy Brandt, als Gast von Willi Stoph, dem Regierungschef der DDR am Hotel-Fenster. Der war damals auch mit der Bahn angereist. Jener hat spät, aber vielleicht nicht zu spät (nicht nur) seiner SPD über Marx ins Stammbuch geschrieben: "Was immer man aus Marx gemacht hat: das Streben nach Freiheit, nach Befreiung der Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handeins" (aus: J. Neffe, Biografie über Marx) U. K.

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